2006: Der Tod

Wie es mir geht kann ich nicht in einem Satz sagen. Ich warte gerade nur noch auf die Beerdigung. Die ist erst am kommenden Donnerstag, obwohl meine Mutter schon am 26.2. starb. Ich weiß, dass es ein schrecklicher Tag sein wird, aber ich sehne ihn herbei, um Zeit für meine Trauer zu finden. Aber dann möchte ich die Trauer auch nicht mehr haben. Meine Mutter wird mir fehlen und ich werde auch oft traurig sein. Andrerseits will ich endlich wieder Freude am Leben haben. Meine Mutter hatte mir noch vor zwei oder drei Wochen gesagt, dass sie davon überzeugt ist, dass ich es schaffen werde. Ich vergesse nie, wie sie da im Bett lag und mir beide Daumen drückte. Sie wusste ziemlich genau wie es mir geht. Unglaublich diese Frau.

 

 

 

Letzte Woche habe ich die Wochenserie geschnitten, obwohl es klar war, dass es mit meiner Mutter zu Ende ging. Ich habe auch ewig lange für den Schnitt gebraucht, aber ich MUSSTE ihn durchziehen, hätte aber alles stehen und liegen lassen, wenn es akut geworden wäre. Aber meine Mutter war noch nicht ganz soweit, das war mir klar, als ich sie jeden Abend besuchte.

 

 

 

In dieser letzten Woche ist nebenher sehr viel passiert: Meine Tochter muss mehr an die Kandare genommen werden (hat das erste Mal mit nem Jungen geschlafen, raucht und hat Korn getrunken. Ihre Mutter ist überfordert. Meine Tochter ist erst 13! Ich bin derzeit der einzige Erwachsene, der Zugang zu ihr hat. Ich konnte sie auch überreden, ihrer Mutter zu erzählen, dass sie mit einem Jungen schläft. Der hat sie dann auch noch kurz vorm Tod meiner Mutter fallen gelassen, was für mein Kind sehr hart war.)

 

Ich bin froh nach 13 Jahren endlich in der Vaterrolle sein zu dürfen. Ich empfinde das gar nicht so negativ, wie sich das gerade liest. Es ist so wie es ist. Das pralle Leben halt.

 

 

 

Zum prallen Leben gehörten auch die vielen Schwangeren, die mit gepackter Tasche das Krankenhaus betraten oder die Männer, die gerade Vater geworden waren oder die werdenden Väter, die vor der Tür nervös auf und abgingen. Das war ein Trost für mich. Auch die Probleme mit meiner Tochter. Plötzlich waren alle Probleme gar nicht mehr so groß. Sie gehören zum prallen Leben!

 

 

 

Die ganze sonst so zerstrittene Familie war da. Wir saßen zeitweise zu zehnt am Sterbebett. Alle haben sich am Samstag noch von ihr verabschieden können. Sie war bei Bewusstsein. Auch meine Tochter bekam die Gelegenheit für ein Adieu. Sie wollte nämlich zuerst Karneval feiern, wofür ich Verständnis hatte. Aber ich hatte sie darauf aufmerksam gemacht, dass es die letzte Chance für ein Lebewohl ist und sie sich evtl. für ihr restliches Leben Vorwürfe machen könnte. Dabei erzählte ich ihr wie ich den Tod meiner Oma erlebt habe. Die hat sich nämlich auch von einem 7jährigen Enkel verabschiedet, der eigentlich gar nicht ins Krankenhaus wollte. Ich war immer dankbar für diesen Abschied.

 

 

 

In dem Sterbezimmer war Liebe zu spüren. Alle kleinen Streitigkeiten waren plötzlich nichtig. Wir waren alle für sie da. Mir sagte sie zum Abschied "Ich reiche Dir meine Hand!" Ich hatte verstanden. Und war sehr froh. Am Samstag lagen trotzdem noch die Nerven blank. Mein Vater war sehr verzweifelt. Er wollte es nicht wahrhaben. Wie auch. Ich Neunmalkluger hatte es schon längst akzeptiert, dass sie sterben würde. Mein Vater und ich gerieten lautstark aneinander. Er hat mich sehr verletzt, indem er sagte, ich würde ja mein eigenes Leben nicht auf die Reihe bekommen. Er sagte das im Beisein von meiner Frau. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich meinem Vater sagte, er solle seine dumme Schnauze halten. "Halt endlich Dein Maul". So etwas habe ich noch nie gesagt. Ich verließ das Krankenhaus, damit es nicht noch weiter eskalierte. Abends kam ich dann zurück und blieb bis 22:30 bei meiner Mutter. Irgendwie spürte ich, dass es noch nicht soweit war.

 

 

 

Am nächsten Morgen rief das Krankenhaus an, ob ich nicht kommen möchte. Sie lebte noch, aber die Schnappatmung hatte eingesetzt. Sie hatte ein Lungenödem und war dabei zu ersticken. Sie war bei Bewusstsein, aber viel zu schwach um auf etwas reagieren zu können. Allerdings: wenn man ihre Haare durcheinander brachte, was sie auf den Tod nicht leiden konnte, zogen sich ihre Augenbrauen zusammen und sie machte eine unwillige Kopfbewegung. Da nahm mein Vater die Bürste und richtete ihr Haar und sprach dabei mit ihr. Da erst ist mir aufgegangen wie sehr sich beide geliebt haben.

 

 

 

Am späten Nachmittag sah ich den Tod kommen. Man sieht es dem Sterbenden an. Wir schickten meinen Vater nach Hause, nur für zwei Stunden...damit er Kraft für das Kommende tanken kann. Ich war allein mit meiner Mutter. Das Atmen fiel ihr immer schwerer und sie stöhnte auch leicht. Die Schwester gab ihr eine Spritze, aber es hörte nicht auf. Ich wusste genau, dass meine Mutter darunter zu leiden hatte. Dann noch eine halbe Spritze. Dann bekam sie eine Flasche Diazepan und es war ohne Worte klar, dass sie nun schneller sterben würde. Ich rauchte mit der Schwester im Schwesternzimmer eine Zigarette und sagte ihr, dass ich wünschte, es wäre vorbei, damit meine Mutter nicht mehr zu leiden habe. Damit hatte ich ihr meine Einstellung dazu verklickert.

 

Sie sagte, dass mein Vater vielleicht jetzt kommen sollte, das Diazepan brauche nur eine 3/4 Stunde. Ich rief ihn an, sehr ruhig und er kam. Sie bekam noch eine Spritze.

 

Wir waren dann allein mit ihr im Zimmer. Mein Vater wuselte noch rum irgendwie. Ich sagte zu ihm ganz sanft, dass er bitte ans Bett kommen und ihre Hand nehmen solle. Er meinte zu mir, dass es ihr wohl besser ginge, da sie so ruhig atmete. Ich sagte "Nein, Papa. Es ist jetzt soweit." Vorher hatte ich meiner Mama noch gesagt: "Du kannst jetzt loslassen. Es ist alles gut." Kurz darauf starb sie.

 

 

 

Ich ging zur Schwester und nickte ihr nur zu.

 

Später habe ich dann meinen Vater und meine Frau gebeten, das Zimmer zu verlassen, da ich mit ihr allein sein wollte. Und da saß ich nun und dachte: "Was bin ich nur für ein Klugscheißer. Jetzt bist Du derjenige, der nicht fassen kann, dass sie gestorben ist." Ich habe dann etwas Eigenartiges gemacht. Ich habe meine Mutter fotografiert. Nicht als Erinnerung! Es war eher die Handlung, da ich sehr viel fotografiere. Es war wie "sich selbst mal zwicken"...wenn ich etwas fotografieren kann, bin ich in der Realität und nicht in einem Traum. Das Foto selbst ist unwichtig.

 

 

 

Es ist so wie es ist. Ich glaube, nicht nur meine Mutter hat ihren Frieden gefunden, sondern auch ich. So geht es mir gerade

11.1.08 09:37

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