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Ein Risiko, dass keines ist

Meer: Das Risiko ist kein Risiko, weil es immer ein Risiko gibt. So ist das Leben: nichts ist sicher.

Im Sommer verließ ich meine Frau, kündigte meinen gut bezahlten Job bei einem deutschen Fernsehsender und zog nach Berlin zum Wind und ihren zwei Kindern. Dabei kannte ich sie erst drei Wochen. Für mich war es magisch, für meine Frau tragisch, mein bester Freund fand es schändlich, meine Familie nicht schicklich und schlicht töricht. Denn nun sitzen wir auf einem Schuldenberg, müssen uns jeden Monat um die Miete sorgen und mein Freiberuflertum läuft sehr schleppend an.

Ich bereue es nicht

 Liebe auf den ersten Blick? Ich könnte schreien vor Glück, denn es war die Liebe aufs erste Wort. Wir haben uns in einem Internetforum kennen gelernt.
Liebe auf den ersten Gedanken, auf jeden folgenden. Wie können in Worte gekleidete Gedanken so unstillbare Sehnsucht erzeugen?! Ich wollte nichts anderes mehr als den Kelch. Die Sucht nach dem Gefäß. Ich war begierig sie zu sehen, um zu wissen, dass sie nicht nur aus Worten besteht und ich sie mit all meinen Sinnen erfassen kann. Und immer noch kann ich es kaum glauben, besonders dann wenn wir für Stunden getrennt sind.


Es ist niemals genug.
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10.1.08 15:43, kommentieren

2007: Das Wesen der Liebe

Das Wesen der Liebe? Das bist Du für mich!
Es ist einige Jahre her, als ich mir Gedanken darum machte, was ich von einer Partnerin erwarte, wie meine "große Liebe", die ich als illusorische Idee empfand, sein sollte, welche Erwartungshaltungen ich wirklich hatte. Ich gebe zu, ich habe sie immer noch, als Wunschvorstellung, von der ich annahm, sie würde nie in Erfüllung gehen.
 

Ich trug meine Traumprinzessin zu Grabe, denn ich wollte weder im Märchen leben, noch eine Prinzessin, noch im Traume wandeln. Du sagtest: „Es heißt, man verliebt sich dreimal im Leben.“ Oder sagte das Deine Großmutter?

Verliebt war ich schon oft. Das Gefühl der Leichtigkeit, der Kraft, der pochende Herzschlag, die Betrunkenheit vom anderen. Doch habe ich diesem Zustand nie getraut, denn es handelt sich nur um einen Rausch und oft schmerzten alsbald Herz und Kopf.

 

Wirklich geliebt habe ich nur wenige Menschen. Und damit meine ich nicht den Rausch, sondern die Geborgenheit des Vertrauens, des Glaubens an die Verbundenheit mit einem anderen Menschen, ein Glaube, der fast ein Wissen ist. Vielleicht nur auf Zeit, ein Gedanke, den ich mir verbiete zu denken, denn er ist die Grundlage meiner Verlustängste.

 
 
 

11.1.08 09:15, kommentieren

2005: Auf den Kopf gestellt

Ich lag auf meinem Bett und krümmte mich vor Schmerzen. Am liebsten hätte ich geschrien, aber ich brachte nur ein Stöhnen zustande. Woher kam nur dieses Stechen in meiner Leistengegend? Als stäche jemand mit dem Messer zu und drehte es noch einmal genüsslich in der Wunde herum. Darüber redet man nicht, nicht wahr? Es begann kurz nach dem Wasserlassen, ganz schwach und wuchs innerhalb einer Minute zu einem Sturm heran. Anfangs noch seltener, dann fast jedes Mal. Das konnte ich nicht mehr ignorieren. Darin war ich eigentlich Weltmeister! Verdrängen, beschönigen, auf Morgen verschieben... Ja, das konnte ich gut.

 

 Kleiner Mann im Ohr
Wenn ich meinen Körper im Spiegel betrachtete, sagte mir zwar mein Verstand, dass ich viel zu dick war, aber da gab es immer noch einen kleinen Mann im Ohr, der mich beruhigte. „Sooo dick bist Du doch gar nicht. Das nimmst Du schon noch ab. Sobald der Frühling kommt, kannst Du doch wieder mit dem Rad fahren!“
Das sagte ich mir seit Jahren. Der kleine Mann im Ohr war ein Ungeheuer und das Ungeheuer war ich selbst. Ich habe mich betrogen und belogen. Heute weiß ich das. Damals auch, aber das Wissen lagerte versteckt in einer Schublade in meinem Kopf.

 



Kleiner Mann, was nun …?

Ich war gerade 36 Jahre alt geworden und wog knapp 120 Kilogramm. Einhundertzwanzig Kilogramm, bei einer Körpergröße von 174 cm. Dass entspricht einem Body Mass Index (BMI) von 40. Ich habe mich damals nicht um meinen BMI gekümmert, aber bekümmert war ich schon. Voller Komplexe, aber wehe, wenn mir jemand sagte, ich sei zu dick! Meine Frau meinte, sie liebt mich auch so. Schön! Lange hätte sie nichts mehr zu lieben gehabt oder sie hätte einen schwerkranken Mann lieben müssen. Denn darauf steuerte ich zu: Auf das Metabolische Syndrom.

 

 

 

Eindeutig: Übergewicht, Durst, Harndrang
Die Fressanfälle konnte ich mir aber nicht erklären. Ein Jahr vorher hatte mich mein Hausarzt nach einem Glukose-Toleranz-Test gewarnt. Ich hätte eine Vorstufe des Diabetes und solle schleunigst abnehmen. Mindestens 10 Kilo bis zum Ende des Jahres. Er schrieb mir den Namen einer Ernährungsberaterin auf. Den Zettel habe ich weggeworfen. Ich weiß nicht warum. Ich weiß auch nicht, warum ich bei dem Wort „Diabetes“ nicht hellhörig wurde - auch das kam in die Schublade.
Meine Frau und ich dokterten über das Jahr an einigen Diäten herum. Wir probierten es mal mit vegetarischem Essen, mal mit Trennkost, mal mit der Atkins-Diät. Aber ich nahm nicht ab. Nein, ich nahm weitere10 Kilo zu, schnaufte beim Treppensteigen, fühlte mich matt und schwach. Ich dachte doch tatsächlich, dass man sich wohl so fühlen muss, wenn man auf die 40 zugeht. Da fangen halt die körperlichen Probleme an. Aber immer wieder Fressanfälle, Heißhunger auf Nudeln, auf Süßes. Sogar Ansätze von Bulimie. Ansätze?! Ich belüge mich schon wieder. Ich hatte Bulimie! Und im April 2004 war es dann soweit. Die unerträglichen Schmerzen, ein unbändiger Durst, eine regelrechte Sucht nach Süßem und die Nächte auf der Toilette, weil der Harndrang so stark war. Mir waren diese Symptome bekannt: Aus dem Internet, aus Erzählungen, aus der Zeitung.

 

Der Tag
Am 20. April 2004 ging ich zu meinem Hausarzt, doch wusste ich schon, was mir bevorstand. Und am nächsten Tag, nach einem weiteren Test, hatte ich die Diagnose: Diabetes Mellitus, Typ II. „Alterszucker“ mit 36! Nüchternblutzuckerwert: 269 mg/dl (15 mmol/l), eine Stunde nach Einnahme des zuckerhaltigen Getränkes: 529 mg/dl (29 mmol/l). Mit den Werten konnte ich an dem Tag noch nichts anfangen. Mein Arzt drückte mir eine Packung Amaryl 2mg in die Hand mit den begleitenden Worten: „Verzichten Sie erst einmal auf Kohlenhydrate. Und lassen Sie sich bei meiner Assistentin einen Termin zur Ernährungsschulung geben.“ Mit einer kleinen Infobroschüre und einem Schaubild „Die Ernährungspyramide“ ging ich dann nach Hause.

 



Resignation oder Aktion?
Ja, da saß ich erst einmal Zuhause auf der Couch, heulte und rief alle Verwandten und Bekannten an. „Ich habe Diabetes.“ Oft fiel die Antwort so aus: „Das ist doch nicht so schlimm. Meine Oma (wahlweise mein Onkel, meine Tante, Herr oder Frau XY) hat das auch. Die nimmt eine Tablette und dann ist es gut.“ Oder: „Ach, da muss man sich Insulin spritzen und kann alles essen, was man will.“ Ich erinnere mich gut an diesen Tag und vermute, dass es für jeden Diabetiker DER TAG ist.
Irgendwann versiegten meine Tränen, mein Selbstmitleid und ich fasste den Entschluss, nicht zu verzagen und es aktiv anzupacken – egal, was die Zukunft bringen sollte. So fuhr ich zur Arbeit - das war eine sehr wichtige Entscheidung für mich. Ich dachte: Entweder lasse ich jetzt den Kopf hängen und verkrieche mich im stillen Kämmerlein oder ich gehe offensiv mit dieser Krankheit um und fahre zur Arbeit. Resignation oder Aktion? Ich entschloss mich für das Letztgenannte.

Alles änderte sich
Abends lasen meine Frau und ich die Packungsbeilage der Tabletten und stöberten im Internet. Ich bin sehr froh, dass wir das getan haben und ich nicht der Anweisung meines Hausarztes folgten. Natürlich nahm ich Kohlenhydrate zu mir. Das stand ja auch in der Packungsbeilage des Medikamentes. Wenn man Amaryl einnimmt und keine Kohlenhydrate isst, kann das zu einer starken Unterzuckerung führen. Wahrscheinlich wäre ich sonst im Krankenhaus gelandet.

In den folgenden drei Tagen, lasen meine Frau und ich alles über Diabetes, was wir finden konnten. Es dauerte aber Wochen bis ich alles in meinem Kopf ordnen konnte und sich die große Panik verlor. Angst hatte ich vor allen Dingen vor den Spätfolgen des Diabetes. Ich weiß noch wie ich hysterisch meinen dicken Zeh mit ABC-Salbe einschmierte, weil ich glaubte, dort nichts mehr zu fühlen oder weniger als früher. Ergebnis: Super Durchblutung in einem krebsroten, brennenden dicken Zeh. Soviel zum diabetischen Fuß.

 

Auf den Geschmack gekommen
Meine Frau und ich wurden „schlauer“, zumindest dachten wir das. Wir warfen alle Lebensmittel, die uns als „ungeeignet“ erschienen, weg. Radikal und ziemlich doof! Dann gingen wir einkaufen. Drei Stunden haben wir im Supermarkt verbracht und dennoch war der Einkaufswagen nahezu leer. In fast jedem Lebensmittel fanden wir Zucker als Inhaltsstoff, und der war doch eigentlich verboten …
Mit der Zeit lernten wir dazu. Die Ernährungsschulung war ein guter Ansporn, mehr zu lesen und den Lebensmittelvorrat wieder aufzufüllen. Wir tauschten einfach aus: Weißes Mehl gegen Vollkornmehl, sowohl in Reinform als auch als Brot. Gesättigte Fettsäuren gegen ungesättigte, fetten Aufschnitt gegen mageren usw. Wir hielten uns stur an die Ernährungspyramide und ließen den Zucker weg. Erst später lernte ich einen Apfel zu schätzen, dass Bitterschokolade mit 75 Prozent Kakao eine süße Wonne sein kann oder dass mir Rohmarzipan gar nichts ausmacht, wenn ich ihn in Maßen genieße. Ich lernte, dass ich alles essen kann, was ich essen will – aber nur unter bestimmten Voraussetzungen und Mengen.

 

Ich war ein Messfreak
Die Voraussetzung war die Kenntnis über meinen jeweiligen Zuckerwert, den ich mit meinem Messgerät bestimmte. Ich entwickelte mich zum Messfreak und lernte dadurch die Wirkung jedes Lebensmittels kennen. Manchmal maß ich bis zu 15 Mal am Tag. Das mag übertrieben erscheinen, ist es vielleicht auch. Aber Amaryl hatte einen stark wirkenden Effekt auf meinen Blutzucker. Ich war gezwungen, mindestens sechs Mal am Tag zu Essen und immer auf die Menge der Kohlenhydrate zu achten. Wie bei einem Videospiel: Isst Du zuviel, steigt der Zuckerspiegel zu hoch, isst Du zu wenig, fällt er rapide ab. Mein Vater hatte ein altes Trimmrad im Keller, dass ich ihm abschwatzte. Das benutzte ich fast jeden Tag. Ich weiß noch wie mich zwei Kilometer zum Schnaufen brachten. Ich wurde aber jeden Tag besser.

 

Sport. Ohne ihn geht nichts mehr
Irgendwann traute ich mich dann auch mit meinem richtigen Fahrrad auf die Straße, aber nicht allein. Ich hatte permanente und begründete Angst vor einer Hypoglykämie. Einmal wäre es fast passiert, als ich nach einer Radtour nicht mehr die sechs Stufen zu unserer Wohnung schaffte – mit einem Blutzucker von 52 mg/dl (3 mmol/l). Ab diesem Tag trank ich während des Sports verdünnten Apfelsaft in verteilten kleinen Schlucken. Es dauerte etwas, bis ich durch häufiges Messen die richtige Frequenz und Menge herausfand. Ich hatte eine neue Sucht gefunden: Sport. Ohne den ging nichts und geht immer noch nichts.
Damit nahm ich auch rapide ab. Innerhalb von acht Monaten 20 Kilogramm. Natürlich wurde ich dadurch körperlich immer fitter. Nach den ersten sechs Kilos bekam ich aber Probleme mit den Tabletten. Ich musste ständig essen, da mein Zuckerwert immer in den Keller rasselte. Konsequenz: Die Dosis wurde reduziert. Mittlerweile wurde ich von einer Diabetologin betreut, die Ende Mai einen Hba1c-Wert von 9,2 % feststellte! Ein Schlag vors Kontor.
In der Ernährungsschulung blieb besonders ein Satz hängen: „Durch Abnehmen, richtige Ernährung und Sport können manche den Stoffwechsel normalisieren.“
Was bedeutete das? Könnte ich irgendwann auf meine Tabletten verzichten, die meine Bauchspeicheldrüse zur Insulinbildung anregte. Die produzierte ja sowieso schon sehr viel Insulin, gegen das mein Körper ja teilweise resistent geworden war. Eine weitere Anregung der Drüse konnte auf lange Sicht nicht gut gehen. Ich hatte keine Angst vor dem Spritzen, aber wenn ich es vermeiden konnte, warum nicht?

 

Ein neues Ziel
Ich suchte nach weiterführender Literatur und stieß auf Hans Lauber, der selbst Diabetes hat, aber keine Medikamente einnimmt. In seinem Buch „Fit wie ein Diabetiker“ stellt er sein Motto vor: „Essen, Messen, Laufen“. Er macht alles mit der richtigen Ernährung, Messen des Zuckerwertes und regelmäßigem Sport. Außerdem rät er hochwertige Lebensmittel zu essen und diese zu genießen! Sollte das möglich sein? Ich wäre also auf dem richtigen Weg, nahm aber noch Amaryl und konnte es ja nicht eigenmächtig absetzen. Meine Werte hatten sich zwar immens verbessert und ich schaffte es meistens zwischen 80 mg/dl (4,4 mmol/l) nüchtern und 140-160 (8-9 mmol/l) nach dem Essen zu schwanken. Trotzdem reagierte meine Bauchspeicheldrüse noch extrem auf geringfügig zuviel zugeführte Kohlenhydrate. Es konnte also nur ein Fernziel sein.

 

Fernziel nach 5 Monaten erreicht
Nach fünf Monaten und ca. 16 Kilo weniger konnte ich Amaryl absetzen. Seitdem nehme ich kein Medikament mehr, um meinen Zuckerhaushalt zu regulieren. Ich schwanke bei meinen täglichen Werten zwischen 80 mg/dl (nüchtern, morgens) und 140 mg/dl (eine Stunde nach dem Essen, nach zwei Stunden wieder unter 100).

Ich weiß nicht wie lange dieser Zustand anhält. Ich habe immer noch Übergewicht und versuche mein Gewicht im Laufe dieses Jahres auf ein Idealmaß zu senken. Die 20 Kilogramm weniger haben aber schon ausgereicht. Mittlerweile sind es 26kg. Mein Hba1c-Wert beträgt 5,4 % (Normalwert des Labors: 5,5- 6,1 %). Ich bin nun „fit wie ein Diabetiker“, treibe regelmäßig Sport und habe gemerkt wie jung man sich mit 37 Jahren fühlen kann. Ich genieße das Leben, trotz oder vielleicht sogar wegen des Diabetes! !

2 Kommentare 11.1.08 09:29, kommentieren

2006: Der Tod

Wie es mir geht kann ich nicht in einem Satz sagen. Ich warte gerade nur noch auf die Beerdigung. Die ist erst am kommenden Donnerstag, obwohl meine Mutter schon am 26.2. starb. Ich weiß, dass es ein schrecklicher Tag sein wird, aber ich sehne ihn herbei, um Zeit für meine Trauer zu finden. Aber dann möchte ich die Trauer auch nicht mehr haben. Meine Mutter wird mir fehlen und ich werde auch oft traurig sein. Andrerseits will ich endlich wieder Freude am Leben haben. Meine Mutter hatte mir noch vor zwei oder drei Wochen gesagt, dass sie davon überzeugt ist, dass ich es schaffen werde. Ich vergesse nie, wie sie da im Bett lag und mir beide Daumen drückte. Sie wusste ziemlich genau wie es mir geht. Unglaublich diese Frau.

 

 

 

Letzte Woche habe ich die Wochenserie geschnitten, obwohl es klar war, dass es mit meiner Mutter zu Ende ging. Ich habe auch ewig lange für den Schnitt gebraucht, aber ich MUSSTE ihn durchziehen, hätte aber alles stehen und liegen lassen, wenn es akut geworden wäre. Aber meine Mutter war noch nicht ganz soweit, das war mir klar, als ich sie jeden Abend besuchte.

 

 

 

In dieser letzten Woche ist nebenher sehr viel passiert: Meine Tochter muss mehr an die Kandare genommen werden (hat das erste Mal mit nem Jungen geschlafen, raucht und hat Korn getrunken. Ihre Mutter ist überfordert. Meine Tochter ist erst 13! Ich bin derzeit der einzige Erwachsene, der Zugang zu ihr hat. Ich konnte sie auch überreden, ihrer Mutter zu erzählen, dass sie mit einem Jungen schläft. Der hat sie dann auch noch kurz vorm Tod meiner Mutter fallen gelassen, was für mein Kind sehr hart war.)

 

Ich bin froh nach 13 Jahren endlich in der Vaterrolle sein zu dürfen. Ich empfinde das gar nicht so negativ, wie sich das gerade liest. Es ist so wie es ist. Das pralle Leben halt.

 

 

 

Zum prallen Leben gehörten auch die vielen Schwangeren, die mit gepackter Tasche das Krankenhaus betraten oder die Männer, die gerade Vater geworden waren oder die werdenden Väter, die vor der Tür nervös auf und abgingen. Das war ein Trost für mich. Auch die Probleme mit meiner Tochter. Plötzlich waren alle Probleme gar nicht mehr so groß. Sie gehören zum prallen Leben!

 

 

 

Die ganze sonst so zerstrittene Familie war da. Wir saßen zeitweise zu zehnt am Sterbebett. Alle haben sich am Samstag noch von ihr verabschieden können. Sie war bei Bewusstsein. Auch meine Tochter bekam die Gelegenheit für ein Adieu. Sie wollte nämlich zuerst Karneval feiern, wofür ich Verständnis hatte. Aber ich hatte sie darauf aufmerksam gemacht, dass es die letzte Chance für ein Lebewohl ist und sie sich evtl. für ihr restliches Leben Vorwürfe machen könnte. Dabei erzählte ich ihr wie ich den Tod meiner Oma erlebt habe. Die hat sich nämlich auch von einem 7jährigen Enkel verabschiedet, der eigentlich gar nicht ins Krankenhaus wollte. Ich war immer dankbar für diesen Abschied.

 

 

 

In dem Sterbezimmer war Liebe zu spüren. Alle kleinen Streitigkeiten waren plötzlich nichtig. Wir waren alle für sie da. Mir sagte sie zum Abschied "Ich reiche Dir meine Hand!" Ich hatte verstanden. Und war sehr froh. Am Samstag lagen trotzdem noch die Nerven blank. Mein Vater war sehr verzweifelt. Er wollte es nicht wahrhaben. Wie auch. Ich Neunmalkluger hatte es schon längst akzeptiert, dass sie sterben würde. Mein Vater und ich gerieten lautstark aneinander. Er hat mich sehr verletzt, indem er sagte, ich würde ja mein eigenes Leben nicht auf die Reihe bekommen. Er sagte das im Beisein von meiner Frau. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich meinem Vater sagte, er solle seine dumme Schnauze halten. "Halt endlich Dein Maul". So etwas habe ich noch nie gesagt. Ich verließ das Krankenhaus, damit es nicht noch weiter eskalierte. Abends kam ich dann zurück und blieb bis 22:30 bei meiner Mutter. Irgendwie spürte ich, dass es noch nicht soweit war.

 

 

 

Am nächsten Morgen rief das Krankenhaus an, ob ich nicht kommen möchte. Sie lebte noch, aber die Schnappatmung hatte eingesetzt. Sie hatte ein Lungenödem und war dabei zu ersticken. Sie war bei Bewusstsein, aber viel zu schwach um auf etwas reagieren zu können. Allerdings: wenn man ihre Haare durcheinander brachte, was sie auf den Tod nicht leiden konnte, zogen sich ihre Augenbrauen zusammen und sie machte eine unwillige Kopfbewegung. Da nahm mein Vater die Bürste und richtete ihr Haar und sprach dabei mit ihr. Da erst ist mir aufgegangen wie sehr sich beide geliebt haben.

 

 

 

Am späten Nachmittag sah ich den Tod kommen. Man sieht es dem Sterbenden an. Wir schickten meinen Vater nach Hause, nur für zwei Stunden...damit er Kraft für das Kommende tanken kann. Ich war allein mit meiner Mutter. Das Atmen fiel ihr immer schwerer und sie stöhnte auch leicht. Die Schwester gab ihr eine Spritze, aber es hörte nicht auf. Ich wusste genau, dass meine Mutter darunter zu leiden hatte. Dann noch eine halbe Spritze. Dann bekam sie eine Flasche Diazepan und es war ohne Worte klar, dass sie nun schneller sterben würde. Ich rauchte mit der Schwester im Schwesternzimmer eine Zigarette und sagte ihr, dass ich wünschte, es wäre vorbei, damit meine Mutter nicht mehr zu leiden habe. Damit hatte ich ihr meine Einstellung dazu verklickert.

 

Sie sagte, dass mein Vater vielleicht jetzt kommen sollte, das Diazepan brauche nur eine 3/4 Stunde. Ich rief ihn an, sehr ruhig und er kam. Sie bekam noch eine Spritze.

 

Wir waren dann allein mit ihr im Zimmer. Mein Vater wuselte noch rum irgendwie. Ich sagte zu ihm ganz sanft, dass er bitte ans Bett kommen und ihre Hand nehmen solle. Er meinte zu mir, dass es ihr wohl besser ginge, da sie so ruhig atmete. Ich sagte "Nein, Papa. Es ist jetzt soweit." Vorher hatte ich meiner Mama noch gesagt: "Du kannst jetzt loslassen. Es ist alles gut." Kurz darauf starb sie.

 

 

 

Ich ging zur Schwester und nickte ihr nur zu.

 

Später habe ich dann meinen Vater und meine Frau gebeten, das Zimmer zu verlassen, da ich mit ihr allein sein wollte. Und da saß ich nun und dachte: "Was bin ich nur für ein Klugscheißer. Jetzt bist Du derjenige, der nicht fassen kann, dass sie gestorben ist." Ich habe dann etwas Eigenartiges gemacht. Ich habe meine Mutter fotografiert. Nicht als Erinnerung! Es war eher die Handlung, da ich sehr viel fotografiere. Es war wie "sich selbst mal zwicken"...wenn ich etwas fotografieren kann, bin ich in der Realität und nicht in einem Traum. Das Foto selbst ist unwichtig.

 

 

 

Es ist so wie es ist. Ich glaube, nicht nur meine Mutter hat ihren Frieden gefunden, sondern auch ich. So geht es mir gerade

11.1.08 09:37, kommentieren